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"Man muss selbst dafür bereit sein"

Immer wieder eine neue Diät, immer wieder neue Rückschläge. Ein Teufelskreis. Jahrelang kämpft M. Richard mit ihrem hohen Übergewicht. Dann besucht sie eine Veranstaltung des Adipositaszentrums am InnKlinikum Mühldorf – und bekommt Hoffnung.

„Gewichtsprobleme hatte ich schon immer“, erzählt M. Richard rückblickend. Eine Diät nach der anderen habe sie ausprobiert, ein Magenband über 17 Jahre und später eine Heilpraktikerin brachten zunächst -50 kg Gewichtsabnahme – doch die sind längst wieder drauf. „Das Magenband musste mir aufgrund von Entzündungen in mehreren Eingriffen aufwändig wieder entfernt werden - und schon ging es wieder hoch mit den Kilos“, berichtet die 58-Jährige. 

M. Richard leidet an Adipositas, einer schwerwiegenden Ernährungs- und Stoffwechselerkrankung. Ihr Body-Mass-Index, kurz BMI, ist bei über 50. Bei Normalgewichtigen liegt der BMI zwischen 18,5 und 24,9. Starke Lipödeme an den Beinen schränken ihre Beweglichkeit ein, Schmerzen beim Gehen und Stehen gehören zu ihrem Alltag. „Bereits der Grabbesuch an Allerheiligen brachte mich ins Grübeln: Schaffe ich die Strecke bis zum Friedhof? Halte ich die Schmerzen während des Stehens aus?“ Für M. Richard eine starke körperliche wie psychische Belastung, die sie nicht länger hinnehmen will: „Ich wollte endlich diesen Teufelskreis durchbrechen und dauerhaft abnehmen.“

Im März 2025 besucht sie in Mühldorf den Vortrag „Wenn Diäten nicht mehr helfen“. Hier klären Expertinnen und Experten des Adipositaszentrums jeden Monat rund um die Erkrankung und ihre Behandlungsmöglichkeiten auf. Das Team des Zentrums ist seit vielen Jahren auf die vorwiegend chirurgische Behandlung der Adipositas spezialisiert. Zudem bietet das Adipositasteam die multimodale Therapie bei krankhaftem Übergewicht an. Diese besteht aus Ernährungstherapie, Psychotherapie/Verhaltenstherapie und Bewegungstherapie. „Menschen mit der Adipositaskrankheit sind durchaus in der Lage über eine intensive Diät viel Gewicht zu verlieren, doch ist es der perfide Charakter der Erkrankung, dass dieses Gewicht mit Zinsen nach kurzem zurückkehrt, weil die für Hunger und Sättigung zuständigen Stellgrößen im Körper unumkehrbar verändert sind“, weiß Prof. Dr. Stefan Schopf, Leiter des Mühldorfer Adipositaszentrums und Chefarzt der Allgemein-, Viszeral- und Endokrinen Chirurgie im Klinikum Mühldorf. „Adipositas ist kein selbst gewählter Zustand, sondern eine chronische Erkrankung, die zu einer schlechteren Lebensqualität und einem früheren Tod führt“, verdeutlicht Prof. Schopf. Die Behandlung sei umfassend und erfordere viele Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachdisziplinen, die gemeinsam mit dem Patienten an einem Ziel arbeiten: eine dauerhafte Gewichtsreduktion. 
„Die chirurgische Veränderung der Verdauung ist bei der Adipositas nach wie vor der Goldstandard, weil nur hier die Stellgrößen im Körper für Hunger und Sättigung dauerhaft korrigiert werden. Die OP bietet die effektivste Behandlung dieser chronischen Erkrankung und sollte immer als erste Option in Erwägung gezogen werden“, erklärt Prof. Schopf. Beispiele sind die Bildung eines Schlauchmagens oder die Umgehung von Verdauungsabschnitten durch die unterschiedlichen Magenbypass-Operationen. 

Für M. Richard steht nach dem Besuch der Infoveranstaltung fest: eine operative Magenverkleinerung soll ihr langfristig beim Gewichtsverlust helfen. Das nächste halbe Jahr hat die Patientin viel zu tun: Sie führt Ernährungs- und Bewegungstagebücher, ist im Fitnessstudio, beim Psychologen und hat viele Termine im Adipositaszentrum Mühldorf. Die Auflagen für eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse sind hoch – zurecht, findet M. Richard. „Man braucht diese Zeit zur Vorbereitung des Körpers, vor allem aber für sich selbst“, sagt die Marktlerin. Denn die Erkrankung bedingt, dass man das ganze Leben so umstellen muss, dass es trotzdem lebenswert bleibt und keinen dauerhaften Verzicht darstellt. „Für so einen Schritt muss man selbst bereit sein, es ist keine Entscheidung, die man über Nacht trifft.“ Auf ihrem Weg begleitet hat sie das Team des Adipositaszentrums. „Alle haben mich unterstützt, wo es nur ging.“

Ein halbes Jahr später: M. Richard ist voller Vorfreude, der lebensverändernde Eingriff steht an. Doch nach der vermeintlichen OP folgt der Schock: Die geplante Schlauchmagen-Operation konnte aufgrund starker Vernarbungen durch viele Voroperationen unter vertretbarem Risiko nicht durchgeführt werden. „Ich war am Boden zerstört und habe erstmal nur geweint – ein halbes Jahr Vorbereitung, völlig umsonst,“ beschreibt M. Richard ihren Tag nach der vermeintlichen OP. 

„Es kommt nur sehr selten vor, dass eine geplante Operation aufgrund unvorhersehbarer anatomischer Besonderheiten oder Vernarbungen nicht durchgeführt werden kann“, berichtet Richards Operateur Tobias Prediger, Oberarzt der Allgemein-, Viszeral- und Endokrinen Chirurgie in Mühldorf und seit 13 Jahren bariatrischer Chirurg. Für diese Patienten gebe es jedoch einen Plan B, den sogenannten EndoSleeve. Hierzu arbeitet das Adipositaszentrum eng mit der Gastroenterologie in Altötting zusammen, wo Chefarzt Prof. Dr. Sebastian Rasch diesen Eingriff durchführt. „Beim EndoSleeve wird der Magen durch eine Magenspiegelung schonend und ohne Narben mit einer speziellen Naht- oder Ankertechnik verkleinert“, erklärt Prof. Rasch. Das Verfahren werde von den Krankenkassen nur in Ausnahmefällen bezahlt, die Kosten dafür liegen im fünfstelligen Bereich. „Beim EndoSleeve sind die Langzeiterfahrungen noch begrenzt und die Gewichtsabnahme geht in der Regel langsamer als bei operativen Verfahren“, erklärt Prof. Rasch. „Für geeignete Patienten ist der endoskopische Schlauchmagen jedoch eine zusätzliche minimal invasive und prinzipiell reversible Therapieoption.“ In M. Richards speziellem Fall werden die Kosten übernommen, ausschlaggebend für die Entscheidung war es aber nicht. „Ich hatte das Ziel vor Augen und wollte unbedingt, dass sich etwas ändert“, erklärt Richard.

Drei Monate später: M. Richard hat bereits ca. 13 Kilogramm verloren, der Patientin geht es gut, Beschwerden hat sie keine. Der Fokus liegt weiterhin auf dem Abnehmen. „Ich würde mir wünschen, dass es noch schneller geht“, sagt sie über ihre Gewichtsabnahme. Doch durch ihre Nachsorge im Adipositaszentrum weiß sie, dass das Abnahmetempo völlig normal ist. E-Bike fahren und Spazierengehen, mehr gehe aktuell aufgrund des hohen Gewichts noch nicht. Doch sie ist optimistisch, dass sich das in Zukunft ändert. Das Team des Adipositaszentrums ist auch jetzt während der Nachsorge eng an ihrer Seite: „Hier arbeiten ganz tolle Menschen“, fasst Richard ihre Erfahrungen in Mühldorf und Altötting zusammen. 
 

Gemeinsam für das Wohl der Patientin: Das Team der Abteilungen Adipositas und Gastroenterologie